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Myanamar Reiseführer

Rezension von Jürgen Hermann

Myanmar/Burma öffnet sich allmählich der Welt. Jetzt kann die passende Zeit für einen Besuch in dem südostasiatischen Staat sein.

Das Land war nie einfach, und es ist es auch weiterhin nicht. Doch nun finden politische Reformen statt. Es scheint – scheint! –, als sei das bislang notorisch repressive Militärregime bereit, sein Machtmonopol zugunsten des internationalen Handels und der Förderung des Tourismus und damit im Interesse der Linderung der ökonomischen Not der Bevölkerung einzuschränken. 

Ob dieser Prozess nachhaltig sein und Bestand haben wird, ob der Vielvölkerstaat in seiner jetzigen Form fortbestehen kann, das alles muss sich zeigen. Viele seit langem existierende, ethnisch und religiös bedingte Konflikte drohen offen auszubrechen. Die künftige politische Machtverteilung bleibt unklar. Einstweilen behalten die Generäle ihre Machtposition und ihre Mehrheit im Parlament, während sich gleichzeitig im Land kritische Stimmen zur Friedensnobelpreisträgerin und Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi mehren. 

Die Rückständigkeit hat für Touristen einen Vorteil: Er findet ein asiatisches Reiseziel in seiner faszinierenden Ursprünglichkeit vor. Nicht, dass sich Myanmar nicht schon bisher von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verändert hätte. Aber im Vergleich zu den Nachbarstaaten, vor allem zu Thailand, fühlt sich der ausländische Besucher beinahe in eine Zeitmaschine versetzt, erlebt er Szenen und Begegnungen, die in anderen Ländern der Region zumindest selten geworden sind. 

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Hält das politische Tauwetter an, so wird diese Ursprünglichkeit kaum lange fortbestehen. Fast täglich liest man vom Appetit internationaler Unternehmen auf Myanmar, von ihren Expansionsplänen dorthin und von der Attraktivität des burmesischen Marktes. Denn in dem unterentwickelten Land sind fundamentale Konsumgüter wie Kühlschränke, Fernseher und Mopeds noch immer vergleichsweise selten. Eine Goldgräberstimmung breitet sich aus, und vor allem in Yangon und Mandalay schießen die Immobilienpreise in die Höhe. Dass die Chinesen bei den Spekulationen tüchtig und oft mit harten Bandagen mitmischen, macht sie in Myanmar nicht eben beliebt. 

Wer sich jetzt für einen Trip in das asiatische Land entscheidet, wählt mit Martin Schachts neuem Buch „Gebrauchsanweisung für Burma/Myanmar“ gute Reiselektüre. Der Journalist und Autor hat das Land mehrfach bereist und schwärmt von der Freundlichkeit der Menschen sowie vom kolonialen Charme des alten Rangun. Wohl wahr, wenngleich man ebenso wie in Havanna auch in Yangon gerne durch die Straßen wandert, in den heruntergekommenen Häusern indes nur bedingt leben möchte. 

Tanaka, Longyis und Geisterglaube 

Einen konventionellen Reiseführer für „das derzeit vielleicht spannendste Land überhaupt“ legt Martin Schacht nicht vor; einen solchen muss der Besucher begleitend mitnehmen. Denn es gibt (leider) gar keine Bilder und nur eine Übersichtskarte. Dafür bietet die „Gebrauchsanweisung für Burma/Myanmar“ mit zahllosen Hintergrundinformationen, Anekdoten und persönlichen Erlebnisberichten unterhaltsame und lehrreiche Reiselektüre. 

Myanmar, das sind Menschen, die sich Fremden gegenüber natürlich und interessiert, oftmals auch neugierig geben, sich Tanaka ins Gesicht reiben (die weiße Pflanzenpaste, die sowohl als Sonnenschutz als auch zur Hautpflege dient), Longyis (am Bauch verknotete Wickelröcke) tragen und fest an Geister glauben. Den Mount Popa bei Bagan, mit seinem Tempel auf der Spitze längst zu einem Pilgerort geworden, bewohnen nach gängiger Meinung die Nats, die Geister, welche im Alltag der Burmesen eine wichtige Rolle spielen. Wobei man durchaus zwischen guten und weniger liebenswürdigen Geistern unterscheidet. 

Skurrile Auswirkungen hatte der Aberglauben schon immer. Die staatliche Unabhängigkeit proklamierte man auf Anraten von Astrologen um 4:20 Uhr nachts. Weil der Diktator Ne Win in diesem Denken verhaftet war, druckte das Land Geldscheine zu 15, 30, 45, 75 und 90 Kyat. Heute sind diese Banknoten begehrte Souvenirs für Touristen. Schacht berichtet über die schwierige Geschichte des Landes vor und nach der Unabhängigkeit 1948, erläutert die Völkervielfalt – 54 Millionen Einwohner und 153 Völker bzw. Volksgruppen weist die „Republik der Union Myanmar“ auf – und beleuchtet die starke Machtposition der Tatmadaw, der nationalen Streitkräfte, die noch immer das Sagen haben im Staat und in ihrer neuen Hauptstadt Naypyidaw. 

Der Autor empfiehlt seine bevorzugten Hotels und Restaurants, gibt Tipps zur Visabeschaffung in Bangkok und weist zurecht darauf hin, dass Myanmar eigentlich die korrekte Bezeichnung für den vielen weiterhin als Burma bekannten Staat ist. Er berichtet von Reisen durchs Land, die einfacher sind als früher (damals hieß es, Yangon sollten Ausländer wegen der miserablen Straßen und Schienen nur auf dem Luftweg verlassen), und führt seine Leser sowohl in den hohen Norden als auch an die Strände der Andamanensee. 

Er präsentiert zwischendurch das Kochrezept seines Lieblingsgerichts, lobt die landestypischen Lackarbeiten und widmet ein Kapitel der legendären „Road to Mandalay“, d.h. dem Fluß Irrawaddy/Ayeyarwady. Wer die Kyaiktiyo-Pagode besuchen will, den Goldenen Felsen bei Bago, dem legt er angesichts des steilen Aufstiegs in der Hitze ans Herz, den Service der dortigen Sänftenträger anzunehmen, auch wenn eine solche Dienstleistung dem europäischen Besucher eigentlich widerstrebt. Die Augen sollte der Tourist in Myanmar (und generell in Asien) übrigens stets offen halten, denn Gehwege, so Schacht, weisen Schlaglöcher bis zur Größe einer Kinderbadewanne auf. 

Das moderne Leben auf dem Vormarsch 

Allmählich werden in Myanmar Longyis durch Jeans verdrängt, die ersten Bankautomaten sind installiert, Computer ersetzen Schreibmaschinen, und die Pferdekutschenfahrer in Bagan haben ihre Preise deutlich angehoben. Noch vor wenigen Jahren wurden am Flughafen Passagierlisten von Hand geschrieben und Gepäckwagen schon mal mit Menschenkraft zum Terminal gezogen. Die Zeiten ändern sich eben. Unverändert präsentiert sich aber die Schrift in Myanmar, ein Höhepunkt visueller Exotik. Als hätte ein europäischer Konditor sie zum Verzieren einer Torte gestaltet. 

„Für mich war Rangun schon zu Zeiten der Diktatur die schönste Stadt Asiens“, schreibt Schacht. „Überall spürt man die Hoffnung auf eine neue Zeit, und die Menschen wirken wie aufgewacht. Rangun rüstet sich für die Zukunft, doch noch immer scheint die Stadt ein Geheimnis zu haben, einen doppelten Boden, von dem man nur ahnt, was sich darunter abspielt.“ 

Und dann: Pagoden über Pagoden. Die Ebene von Bagan bietet insbesondere bei Sonnenauf- und -untergang eine nahezu überirdische Schönheit. Manch ein Besucher erkennt „psychedelisch anmutende Farben“. Wo sonst kann man eine „Überdosis“ an Tempeln bekommen, für die der Begriff „overpagodaed“ geschaffen wurde? In Yangon steht die schönste von allen: „Die Schwedagon-Pagode allein wäre es wert, einmal um die Welt zu reisen“, lesen wir bei Schacht. Besser kann man es nicht ausdrücken. 

Martin Schacht: Gebrauchsanweisung für Burma/Myanmar. 218 Seiten mit einer Übersichtskarte. Piper Verlag, München 2013. 14,99 Euro. 



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