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Cover Wild Truth.

Rezension von Jürgen Hermann

Die Welt lernte den Kult-Aussteiger Christopher McCandless erst nach seinem Tod im Alter von nur 24 Jahren kennen. Das Leben des jungen Amerikaners, der die wahre Freiheit suchte und lebte, nach dem erfolgreichen Abschluss seines Studiums als „Alexander Supertramp“ durch Nordamerika reiste und 1992 in einem ausrangierten Bus in der Wildnis Alaskas starb, beschrieb Jon Krakauer in seinem erfolgreichen, 1996 erschienenen Buch „Into the Wild/In die Wildnis“; es wurde 2007 von Sean Penn mit Emile Hirsch in der Hauptrolle verfilmt. Christophers Schwester Carine erzählte Krakauer seinerzeit unter dem Siegel der Verschwiegenheit Details zu Familienereignissen, die sie nun öffentlich macht.

„War es richtig, Jon nicht zu erlauben, die ganze Wahrheit zu erzählen? Die ständigen Missverständnisse in Bezug auf meinen Bruder trieben mich in den Wahnsinn. Er war nicht verrückt. Dass er in die Wildnis floh, war vielleicht das Gesündeste, was er je getan hat“, so die Schwester. Wir erfahren, dass Walt McCandless, der Familienvater, ein alkoholkranker, aufbrausender und gewalttätiger Mann war, der Frau und Kinder oft schlug. Die Ehefrau lernte mit der Zeit, sich zumindest verbal zu wehren. Die Kinder müssen Zeugen wahrlich unschöner familiärer Szenen gewesen sein.

Christopher hatte also durchaus Grund, die Familie zu verlassen; der Vorwurf, so Carine, er habe selbstsüchtig gehandelt und seinen Eltern schlimme Sorgen bereitet, sei in dieser Form unberechtigt. Kaum erträglich sei für sie, in welchem Umfang ihre Eltern die Wahrheit verdrehten und nur allzu gerne öffentliche Mitleidsbekundungen entgegennähmen. „Ihr diffamiert öffentlich diese Familie“, warf Carine ihren Eltern vor, „und benutzt Chris’ Geschichte, um eure eigene Vergangenheit neu zu erfinden – und damit schadet ihr Chris noch nach seinem Tod.“ 

„Der Triebwagen war hell und hatte freundliche Augen, eine spitze dunkelgrüne Nase und einen Schmollmund. Abends leuchtete er. Die Tatra-Wagen aus Prag dagegen, die ab 1969 die Gotha-Wagen nach und nach ersetzten und so schwer waren, dass man annehmen musste, sie würden sich allmählich in die Straße eingraben und Magdeburg zu einer U-Bahn verhelfen, waren fett und gemütlich mit ihren breiten Gesichtern und dem ständigen Ächzen und Knacken.“ 

Natürlich ist dieses Buch auch eine Autobiographie von Carine McCandless, die ihr Leben erzählt, das nicht geradlinig verlief; drei Ehen scheiterten, und das Verhältnis zu beiden Elternteilen ist längst nachhaltig zerrüttet. Aber dem Leser werden doch viele Details zu Chris’ Charakter und Vita geliefert, die eine wichtige Ergänzung zu dem bisher Bekannten darstellen. Heroisiert sie den Bruder? Nun ja, ein wenig schon, wenngleich sie auch seine wiederkehrenden Wutausbrüche erwähnt. Interessant ist nicht zuletzt die Entstehungsgeschichte von Sean Penns Film. Kurz gesagt: Wer sich für Christopher McCandless interessiert, kommt an diesem Buch nicht vorbei. 

Carine McCandless: Wild Truth [OT: The Wild Truth].  Die wahre Geschichte des Aussteiger-Idols aus „Into the Wild“. Aus dem Amerikanischen von Marie Rahn und Jens Plassmann. 320 Seiten. btb Verlag, München 2014. 19,99 Euro. 

Nachtrag: Die Lektüre von Jon Krakauers Buch „In die Wildnis / Into the Wild“ ist unverzichtbar, will man versuchen, die Persönlichkeit von Christopher McCandless zu verstehen. Der Aussteiger wird darin differenzierter beschrieben als in dem Film von Sean Penn. Wie kann man Chris charakterisieren? Gewiss jung, intelligent und abenteuerlustig; aber auch naiv, verträumt, unerfahren und – wie seine Kritiker meinen – geradezu fahrlässig in Bezug auf das Leben und die Gefahren in der Wildnis? Vielleicht sogar etwas arrogant, ein wenig narzisstisch, gar schlichtweg dumm und seine eigenen Kräfte ebenso über- wie die Kräfte der Natur unterschätzend?

Wir lernen in dem Buch auch die Gründe kennen, weshalb Jon Krakauer von dem Aussteiger fasziniert ist und so akribisch die Ereignisse recherchierte: Er ist sein Alter Ego. Auch der Buchautor litt unter einem etwas despotischen Vater. Er rebellierte, verweigerte die vom Vater vorgesehene akademische Karriere, arbeitete als Schreiner und später als Journalist, ging nach Alaska, bewältigte dort eine Reihe bergsteigerischer Herausforderungen und entging nur knapp dem Tod durch Erfrieren bzw. Verhungern.

„Ich kann nicht für mich in Anspruch nehmen, ein unvoreingenommener Beobachter zu sein“, schreibt Krakauer. „McCandless’ Geschichte berührte mich zutiefst, daher war mir eine leidenschaftslose Darstellung der Tragödie nicht möglich. Größtenteils habe ich mich – hoffentlich erfolgreich – bemüht, mich als Autor rauszuhalten.“ Chris könnte noch leben, hätte er detailgenaues Kartenmaterial mitgenommen und die handbetriebene Gondel unweit vom Ort seines Todes entdeckt. „Seine in aller Unschuld begangenen Fehltritte“, urteilt der Autor, „stellten sich als fatal und unumkehrbar heraus.“

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