Cover Die Beste Entscheidung unseres Lebens.

Rezension von Jürgen Hermann

Zwei junge Leute beschreiben eine neunmonatige Tour durch Lateinamerika und Asien. Das Projekt war „Die beste Entscheidung unseres Lebens“.

Friederike Achilles und Philipp Rusch, beide Anfang dreißig, sind ein Paar. Sie arbeiten in der Medien- und Verlagsbranche in Köln und nehmen wegen chronischen Fernwehs eine Auszeit, um dieses Vorhaben zu verwirklichen. Ein knappes Dreivierteljahr wird ihre „halbe Weltreise“ durch 17 Länder dauern – eine Lebenserfahrung im Rahmen ihres Sabbatical, der Einblick in fremde Kulturen und Mentalitäten sowie der Austausch mit anderen Backpackern. 

„Wir beschlossen, den Ausstieg auf Zeit zu wagen, das Ersparte auf einen Haufen zu werfen und die Welt zu erkunden“, lesen wir. „Oft fehlen die richtigen Worte, um zu beschreiben, was eine solche Reise mit einem macht. Wie sie einen verändert. Die Geschichten in diesem Buch sind also immer nur eine Annäherung, oder sagen wir, eine Umrundung der Welt und ein zaghaftes Umkreisen des Eigentlichen.“ In der Tat: Eindrücke und Szenen, deren Charme und Witz auf spontanen Handlungen und Begebenheiten beruhen, lassen sich nach einer Reise oftmals nur schwer vor Dritten wiedergeben. 

Bereits bei dem ambitionierten Projekt der Hoepner-Brüder, die mit dem Fahrrad von Berlin nach Shanghai reisten und dies in einem Buch sowie einer Fernsehreportage festhielten, konstatierte der Rezensent ein Maß an Abenteuerlust und Sorglosigkeit, welches bei jüngeren Menschen vorhanden ist und mit dem Alter bedauerlicherweise Bedenken, Vorbehalten und sinkender physischer Fitness weicht. Also, nichts wie los, ehe es zu spät ist! Tempus fugit! 

Ereignisreiche Monate in Mittel- und Südamerika

Friederike und Philipp starten in Kuba, weil ihnen die karibische Zuckerinsel irgendwie am Herzen liegt. Vor Ort erfahren sie, wie sich der Durchschnittskubaner (bisweilen, als Relikt eines Arbeitsaufenthalts in der DDR, deutsch sprechend) mit verschiedenen Strategien durch den realsozialistischen Mangelalltag wurstelt und natürlich viel bessere Unterkünfte als jene kennt, welche die beiden eigentlich ansteuern möchten. Es gibt etliche Zigarren von der kubanisch-aromatischen Sorte und noch mehr rumhaltige Cocktails.

In Mexiko erleben die beiden die spektakuläre Fahrt mit der Chepe-Bahn und besuchen die beeindruckenden Überreste der Mayakultur, aber sie lernen auch den sehr laxen Umgang mit Kreditkarten und PIN-Nummern kennen sowie, es muss kommen, Montezumas Rache. Über einen Guide erhalten sie Einblick in die verschwurbelten Theorien Erich von Dänikens, der vor Jahrzehnten mit seinen Büchern über die vorzeitlichen Besuche von Außerirdischen und ihren Einfluss auf die Menschheitsgeschichte hohe Auflagen erzielte, allerdings längst der Vergessenheit anheim fiel und allen unter fünfzig praktisch unbekannt sein dürfte.

Das wegen der außer Kontrolle geratenen Maras hoch gefährliche Honduras wird sorgsam umgangen; man reist über Guatemala (wo die Kreditkarte endgültig geknackt wird), El Salvador und Nicaragua in Richtung Kolumbien und sieht sich mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Sie liegen zum einen in einer sehr anstrengenden, mehrtägigen Trekkingtour nach Ciudad Perdida, zum anderen in einem nächtlichen Raubüberfall. Die beiden bewegen sich halt in einer durchgehend von viel Kriminalität geprägten Region.

Weitere Stationen werden Peru mit Machu Picchu sein, Bolivien mit den Silberminen von Potosí (wo sie den lebensgefährlichen Alltag der Bergarbeiter kennenlernen) und Argentinien, ehe Friederike und Philipp über einen flugtechnisch erforderlichen Kurzaufenthalt in Los Angeles und einen Stopover auf Hawaii nach Indonesien reisen. Dort finden sie ein sehr viel gemächlicheres Tempo vor als in Lateinamerika und erholen sich erst einmal: „Wir schaffen es, in den allgemeinen Paradies-Flow reinzukommen, der diese trägen Eilande umgibt. Wir lassen uns nur noch treiben, und zwar sehr gemütlich.“

Nach Süd- und Südostasien auch der Familie wegen

In Thailand verspüren sie erste Anflüge von Reisemüdigkeit und erleben drei eher enttäuschende Wochen; das Königreich bietet nicht, was sie erwartet haben. Als sie im abgelegenen Backpackerstädtchen Pai im Nordosten Thailands dann doch ein paradiesisches Fleckchen entdecken, bleiben ihnen leider nur wenige Tage bis zur Weiterreise nach Kambodscha. 

Angkor. Der Traum jedes Travellers. Heute tummeln sich dort Touristenmassen. Friederike und Philipp verwendeten vor Reisebeginn viel Zeit, um zu planen, wie sich die riesige Tempelanlage in drei Tagen am besten besichtigen lässt. Ihr Fahrer winkt lässig ab und gestaltet die Tour, wie er es für richtig hält. Die beiden hätten, so konstatiert der Rezensent und denkt an seinen lange zurückliegenden eigenen Aufenthalt in Siem Reap zurück, viel Zeit sparen können für die detaillierte Vorbereitung. Lokale Führer kennen das Terrain und die Strategie, es zu besichtigen, einfach am besten. 

Die letzten Stationen werden Nepal mit dem quirligen Kathmandu sein – ein Spaziergang durch die Hauptstadt „fühlt sich nach Wrestling für Körper und Geist an“ – und Indien, wo die beiden den asiatischen Teil von Philipps Familie besuchen und einen unfreiwilligen Drogentrip er- oder eher durchleben. Der junge Eurasier hat eine Menge Verwandte in Kerala, die zum Teil von IT-Dienstleistungen gut leben. 

Leider fehlt, wie in „Zwei nach Shanghai“, auch in diesem Buch ein Epilog, die Schilderung nämlich, wie sich die gewiss nicht einfache Rückkehr in das „normale Leben“ in Deutschland nach einer solch intensiven Reiseerfahrung gestaltete. Nach der Lektüre dieser amüsant geschriebenen und mit vielen Bildern illustrierten Reisegeschichte bleibt das Fazit: Ihr beiden habt eine Tour gemacht, von der ihr noch nostalgisch berührt den Enkeln vorschwärmen könnt. Und ihr habt eine großartige Lebenserfahrung zu verbuchen, einen Traum verwirklicht sowie Dinge erlebt, deren Erinnerung euch fortan begleiten wird. Auch wenn es manchmal schon anstrengend war.

Er präsentiert zwischendurch das Kochrezept seines Lieblingsgerichts, lobt die landestypischen Lackarbeiten und widmet ein Kapitel der legendären „Road to Mandalay“, d.h. dem Fluß Irrawaddy/Ayeyarwady. Wer die Kyaiktiyo-Pagode besuchen will, den Goldenen Felsen bei Bago, dem legt er angesichts des steilen Aufstiegs in der Hitze ans Herz, den Service der dortigen Sänftenträger anzunehmen, auch wenn eine solche Dienstleistung dem europäischen Besucher eigentlich widerstrebt. Die Augen sollte der Tourist in Myanmar (und generell in Asien) übrigens stets offen halten, denn Gehwege, so Schacht, weisen Schlaglöcher bis zur Größe einer Kinderbadewanne auf. 

Friederike Achilles und Philipp Rusch: Die beste Entscheidung unseres Lebens. Wie wir einfach loszogen und um die halbe Welt reisten.  320 Seiten. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. 14,99 Euro. 

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